Wenn das Landei in die Großstadt geht...


Das ist so ziemlich genau das, was auf mich zutrifft. So ziemlich genau 18 Jahre habe ich auf dem Land gelebt. Erst habe ich gemeinsam mit meinen Eltern und später mit meiner Schwester auf einem kleinen Dorf, mit nicht einmal 1000 Einwohnern gewohnt. Viele denken sich jetzt bestimmt: Das wäre nichts für mich, da gibt es doch nichts zu tun und da ist dauerhaft Langeweile angesagt. Ich kann dazu sagen: Das stimmt absolut nicht!
Zumindest nicht bei mir. Ich hatte immer etwas zu tun, war viel mit Freunden unterwegs. Klar, es war nicht so einfach wie in einer Großstadt, einfach mal eben ins Kino zu fahren oder gar zu gehen, wenn die nächste etwas größere Stadt ca. 25 km von einem entfernt liegt, aber Langeweile? Die kam bei uns wirklich nie auf. Wir wussten uns immer irgendwie zu beschäftigen, haben endlos lange Radtouren gemacht, waren auf dem Feld picknicken, haben uns Blumenkränze und Kastanienketten gebastelt, uns ein eigenes Baumhaus gebaut. Wir waren wirklich kreativ und es hat so viel Spaß gemacht.

Als ich 10 war, sind wir dann umgezogen. Auf einmal lebten wir in einer Kleinstadt, mit knapp 8000 Einwohnern, 3 Supermärkten und 4 Friseuren. Klingt wenig, war aber im Gegensatz zum kleinen Dorf eine halbe Großstadt. Ein Bus fuhr bis 19:00 Uhr alle 3 Stunden in die nächstliegende Stadt, mit ewigen Umwegen über alle anliegenden Dörfer, bei denen eh nie eine Menschenseele in den Bus dazu stieg. Der Jugendclub war unser Haupttreffpunkt. Ich hatte viele Freunde, mit denen ich auch immer viel unternommen habe. 2012 lernte ich dann meinen bis heute bestehenden Freundeskreis kennen, darunter auch Kay, und wir unternahmen regelmäßig alle etwas zusammen. Unsere Feiern auf den Dörfern waren der absolute Wahnsinn und bis heute für mich nicht zu toppen. 2013 kamen Kay und ich dann zusammen, zu unserer genauen Geschichte kann ich, wenn ihr das möchtet, in einem anderen Blogpost noch einmal genauer etwas erzählen. Kay wohnte 8 km von mir entfernt, in einem Dorf, was nicht einmal 200 Einwohner hatte. Dort war ich dann auch regelmäßig, es war praktisch mein zweites zu Hause und seine Familie, war meine zweite Familie.


In der 10. Klasse stand dann die Entscheidung an: Was möchte ich später einmal machen? Und da ich mir darüber eigentlich schon immer im Klaren war, musste ich da auch nicht lang überlegen: Ich wollte Erzieherin werden! 2014 machte ich dann meinen erweiterten Realschulabschluss und begann meine Ausbildung zur Sozialassistentin, welche man braucht, um die Erzieherausbildung zu machen. Diese ging 2 Jahre. In dieser Zeit machte ich mir viele Gedanken, wie es weitergehen soll, denn Kay machte 2016 sein Abitur, fast zur gleichen Zeit, wie ich meine Ausbildung abgeschlossen habe, und danach wollte er studieren gehen. Für mich hieß das: Er geht weg. Da für uns beide aber nie eine Fernbeziehung in Frage kam und bei uns nach wie vor alles perfekt lief, entschlossen wir uns dazu, einfach zusammenzuziehen.

So überlegten wir also. Es war gar nicht einfach, uns zu entscheiden, wo wir hingehen. Wir mussten einen Ort finden, an dem er seine Fachrichtung studieren und ich meine Erzieherausbildung machen kann. Letzten Endes blieben da nicht mehr viele Städte übrig. Eine unter ihnen war Braunschweig und da in Niedersachsen die Erzieherausbildung nur 2, statt wie in allen anderen Bundesländern, 3 Jahre beträgt, kam diese Stadt für mich in die enge Auswahl.
Nun ging das Bewerbungen schreiben los. Für uns beide. Großes Bangen, wochen- gar monatelang. Was würden wir tun, wenn einer von beiden nicht angenommen werden würde? Oder jeder in einer jeweils anderen Stadt?
Doch plötzlich rieselten bei mir die ersten Bewerbungsgespräche ein. Von vielen Schulen. Außer von der aus Braunschweig. Ich freute mich wahnsinnig und nachdem ich direkt beim ersten Bewerbungsgespräch eine Zusage bekam, war die Freude natürlich noch größer. Auch Kay hatte bereits 2 Zusagen aus der Stadt und aus Braunschweig. So hing die Entscheidung also an mir, wohin wir gehen und ich verlor die Hoffnung nie, dass auch ich vielleicht doch auch noch eine Antwort aus Braunschweig bekommen könnte.

 
Als wir uns dann allerdings nach weiteren vergangenen Wochen schon fast für die Stadt entschieden hatten, von der ich eine Zusage bekommen hatte, kam ich eines Tages von der Schule nach Hause und meine Mama empfang mich schon freudestrahlend und meinte: „Du hast Post aus Braunschweig.“ Mein Herz. Ich glaub es ist fast stehen geblieben vor Aufregung, was in diesem Brief stehen würde. Ich öffnete ihn und tatsächlich – Ich hatte eine Zusage bekommen. Ich war der glücklichste Mensch auf Erden und habe natürlich sofort Kay diese freudige Nachricht überbracht.

Nun ging allerdings der nächste Schritt los: Die Wohnungssuche. Tag für Tag schauten wir im Internet nach passenden Angeboten, Kays Patenonkel, der ebenfalls aus Braunschweig kam, schickte uns regelmäßige alle Annoncen aus verschiedensten Braunschweiger Zeitungen. Da der Wohnungsmarkt hier sowieso ziemlich angespannt ist und wir nicht endlos viel Geld zur Verfügung hatten, da wir beide noch keines verdienen, war auch hier die Auswahl nicht allzu groß. Nichtsdestotrotz fanden wir einige schöne Wohnungen, die wir besichtigten. Und auch hier mussten wir ewig warten. Und hoffen. Hoffen, dass ein Vermieter ein junges Pärchen in seine Wohnung ziehen lässt, dass noch kein eigenes Gehalt bekommt und in ihre erste eigene Wohnung ziehen möchte. Wir bekamen einige Absagen von Wohnungen, die uns wirklich gefallen hatten und waren schon ziemlich deprimiert. Nur ein guter Herr, der hatte Verständnis für uns und rief mich so eines Tages an und teilte mir mit, dass wir die Wohnung haben können. Was für ein riesiger Ballast, der da von einem fällt. Und wie glücklich wir waren, als wir erst einmal den unterschriebenen Mietvertrag und die Schlüssel unserer ersten eigenen Wohnung in der Hand hielten.
Unsere erste Nacht in der Wohnung war am 03.07.2016. Wir haben zu zweit auf einer 90x160 Matratze geschlafen, in einem Raum, in dem nichts stand, bis auf einen Fernseher. Ja, das war alles andere als bequem und hat unfassbare Rückenschmerzen verursacht, aber es war dennoch so unglaublich schön und ich war so stolz. In den darauffolgenden Tagen kamen dann nach und nach all unsere Möbel an. Mit Hilfe unserer Familien dauerte es auch nicht lang, bis alles aufgebaut und die Wohnung wirklich gemütlich war. Wir waren glücklich – Der Umzug war geschafft!


Da meine Schule erst im August und Kay‘s Uni erst im Oktober begonnen hat, hatten wir noch Zeit, die Stadt zu erkunden und uns mit ihr vertraut zu machen.
Ja und das war leichter gesagt, als getan. Auf einmal ist es nicht mehr so, dass man jede kleinste Ecke des Ortes kennt, die Busfahrzeiten im Schlaf auswendig kann, es nur eine Haltestelle im Ort gibt, man fast jeden Menschen hier bei Namen kennt oder man von lauten Treckern gestört wird. Und wenn man ganz neu in der Großstadt ist, ist es gar nicht so leicht, sich da durchzufinden. Aber wenn man dranbleibt, dann bekommt man das auch hin. Und wenn man nicht allein ist, fällt es einem noch etwas leichter. Aber auch wenn du allein bist – Mit etwas Anstrengung, Mut, Google, Google Maps und Deutsche Bahn wird das was! Und hey, die haben uns auch in so mancher Situation den Hintern gerettet.


Wir jedenfalls haben uns ziemlich schnell eingelebt und kennen uns nun mittlerweile auch schon recht gut hier aus. Ich finde Braunschweig einfach so schön und bin hier mittlerweile komplett angekommen. Natürlich gibt es auch hier nicht so schöne Ecken, wie in jeder anderen Stadt auch, trotzdem überwiegen, bei allem was ich bis jetzt gesehen habe, meiner Meinung nach hier definitiv die schönen Seiten.
Und dennoch vermisse ich es manchmal, von lauten Kühen geweckt zu werden oder auf dem Feld einen schönen Spaziergang zu machen. Deshalb freue ich mich jedes Mal umso mehr, unsere Familien in unserer Heimat zu besuchen und einfach mal wieder etwas Landluft zu schnappen.




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